Folgender Text stammt im Original von Jonathan Rauch im „The Atlantic Online“ im März 2003 und ist überschrieben mit „Caring for your introvert„. Den Text fand ich so klasse, dass ich ihn übersetzen musste. Vielen Dank an Daniel Kegel für den (indirekten) Hinweis auf den Text. Danke auch an LEO für gute Übersetzungshilfen.
Auch wenn der Text insgesamt sehr gut ist, möchte ich aber noch darauf hinweisen, dass er sehr amerikanisch ist und einige Punkte (z.B. der Umgang mit Introvertierten) noch auf unseren Kulturkreis angepasst werden müsste.

Sorge Dich um Deinen Introvertierten

Die Sorgen und Nöte einer wenig verstandenen Randgruppe

Kennen Sie jemanden, der jeden Tag viele Stunden der Einsamkeit benötigt? Der ruhige Gespräche über Gefühle oder Ideen liebt, dynamische Präsentationen vor großem Publikum halten kann, aber sich in kleinen Gruppen oder beim Smalltalk nicht wohl fühlt? Jemand, der auf Partys gezerrt werden muss und dann den Rest des Tages benötigt, sich davon zu erholen? Jemand, der sich windet, wenn er mit Gefälligkeiten von Menschen bedacht wird, die einfach nur nett sein wollen?

Wenn ja, meinen Sie, dass diese Person „zu ernst“ sei oder fragen Sie ihn, ob alles in Ordnung sei? Halten sie ihn für abgehoben, arrogant, unhöflich? Verdoppeln Sie ständig ihre Anstrengungen, um ihn dort herauszuholen?

Wenn Sie diese Fragen mit ja beantwortet haben, sind die Chancen hoch, dass Sie einen Introvertierten vor sich haben – und dass Sie sich nicht richtig um ihn kümmern. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren viel über die Gewohnheiten und Bedürfnisse von Introvertierten gelernt. Man hat sogar mit Hilfe von Gehirnscans herausgefunden, dass Introvertierte Informationen anders als andere Leute verarbeiten (das denke ich mir nicht aus). Wenn Sie in diesem Punkt nicht den aktuellen Stand der Wissenschaft kennen, sind Sie nicht alleine. Auch wenn es sehr viele Introvertierte gibt, gehören sie zu der am meisten falsch verstandenen und benachteiligten Randgruppe in Amerika, wahrscheinlich sogar in der Welt.

Ich weiß, wovon ich rede. Mein Name ist Jonathan und ich bin Introvertiert.

Oh, jahrelang verleugnete ich dies. Schließlich habe ich gute soziale Fertigkeiten. Ich bin kein Griesgram oder Misanthrop. Normalerweise. Ich bin bei weitem nicht schüchtern. Ich liebe lange Gespräche, die intime Gedanken oder passionierte Interessen erforschen. Aber schließlich habe ich mich selbst kennen gelernt und hatte vor meinen Freunden und Kollegen mein Coming out. Damit habe ich mich selbst befreiter gefühlt von vielen falschen Vorstellungen und Stereotypen. Nun will ich Ihnen erzählen, was sie wissen müssen, um gefühlvoll und unterstützend mit ihrem introvertierten Familienmitglied, Freund und Kollege umgehen zu können. Bedenken Sie, dass sicherlich eine Person die Sie kennen, respektieren und mit der Sie jeden Tag umgehen, ein Introvertierter ist und dass Sie ihn in den Wahnsinn treiben. Es lohnt sich, auf die Warnsignale zu hören.

Was ist Introvertiertheit?

In der modernen Wissenschaft geht das Konzept auf den Psychologen Carl Jung im Jahre 1920 zurück. Heute wird es überwiegend durch Persönlichkeitstests diagnostiziert, einschließlich des Myers-Briggs Typen-Indikators. Introvertierte sind nicht notwendigerweise schüchtern. Schüchterne Menschen sind ängstlich oder furchtsam im sozialen Umfeld; Introvertierte sind dies eher nicht. Introvertierte sind auch keine Misantropen, obwohl viele von uns Satre bei folgender Redewendung zustimmen würden: „Die Hölle ist Frühstück mit anderen Leuten.“ Vielmehr sind Introvertierte jene Menschen, die andere Menschen anstrengend finden.
Extrovertierte tanken durch andere Menschen Energie und welken, wenn sie alleine sind. Sie werden durch und mit sich gelangweilt. Wenn man einen Extrovertierten für zwei Minuten alleine lässt, greift er zu seinem Handy. Im Gegensatz dazu müssen wir Introvertierte, nachdem wir eine oder zwei Stunde Gesellschaft genossen hatten, abschalten und uns wieder aufladen. Meine persönliche Formel ist etwa zwei Stunden Einsamkeit für jede Stunde Sozialisierung. Das ist kein antisoziales Verhalten. Es ist kein Zeichen einer Depression. Es muss nicht medikamentös behandelt werden. Für Introvertierte ist Einsamkeit genauso erholsam wie Schlaf, nahrhaft wie Essen. Unser Motto: „Ich bin ok, Du bist ok – in kleinen Dosen.“

Wie viele Menschen sind introvertiert?

Ich habe über diese Frage ausführliche Recherchen angestellt – in der Form einer kurzen Google-Suche. Die Antwort: etwa 25%. Oder: etwas unter der Hälfte. Oder – mein Favorit – „eine Minderheit der normalen Bevölkerung aber eine Mehrheit der begabten Bevölkerung.“

Werden Introvertierte falsch verstanden?

Sehr. Das, so scheint es, ist unser Los. „Es ist sehr schwer für einen Extrovertierten, einen Introvertierten zu verstehen“ schreiben die Lehrexperten Jill D. Burruss und Lisa Kaenzig. (Sie sind auch die Quelle des Zitats aus dem vorherigen Absatz.) Extrovertierte sind für Introvertierte leicht zu verstehen, weil Extrovertierte redegewandt so viel Zeit darauf verwenden, zu erzählen, wer sie sind, und man ihnen häufig nicht entkommen kann. Sie sind so unverständlich wie junge Hunde. Aber das funktioniert nicht in beide Richtungen. Extrovertierte haben wenig oder gar keine Vorstellung von Introvertiertheit. Sie nehmen an, dass Gesellschaft, speziell die ihre, immer willkommen ist. Sie können sich nicht vorstellen, warum jemand allein sein muss; tatsächlich nehmen Sie an diesem Vorschlag of Anstoß. Jedes mal, wenn ich versucht hatte, dieses Thema Extrovertierten zu erklären, hatte ich nie das Gefühl, dass sie mich wirklich verstanden hätten. Sie hören einen Moment lang zu und bellen dann weiter und wedeln mit dem Schwanz.

Sind Introvertierte unterdrückt?

Das würde ich sagen. Zum einen sind Extrovertierte überrepräsentiert in der Politik, einem Berufsfeld, in dem nur die beredeten sich wohl fühlen. Nehmen Sie zum Beispiel George W. Bush oder Bill Clinton. Sie scheinen erst dann zum vollen Leben zu erblühen, wenn sie von anderen Menschen umgeben sind. Wenn man die wenigen Introvertierten betrachtet, die es in politische Spitzenämter gebracht haben – Calvin Coolidge, Richard Nixon – bestätigt das vielmehr diese These. Mit der Ausnahme von Ronald Reagen, dessen angedichtete Reserviertheit und Privatheit vielleicht Anzeichen eines tiefen introvertierten Charakterzug waren (ich habe gelesen, dass viele Schauspieler introvertiert sind und viele Introvertierte, wenn sie sich in Gesellschaft begeben, sich wie Schauspieler fühlen), sind Introvertierte nicht für die Politik geboren.

Deshalb beherrschen Extrovertierte das öffentliche Leben. Leider. Wenn wir introvertierten die Welt regieren würden, wäre sie zweifelsohne ein ruhiger, vernünftiger, friedlicher Ort. Wie Coolidge angeblich gesagt haben soll: „Wissen sie nicht, dass 80% aller Sorgen in diesem Leben verschwinden, wenn wir nur ruhig dasitzen und nichts tun?“ Er soll auch gesagt haben: „Wenn du nichts sagst, kannst du auch nicht dazu aufgefordert werden, es zu wiederholen.“ Das einzige, das ein Introvertierter mehr hasst, als über sich zu reden, ist, sich zu wiederholen.

Mit ihrem endlosen Hunger nach Gesprächen und Aufmerksamkeit dominieren Extrovertierte das soziale Leben und setzen Erwartungen. In unserer extrovertierten Gesellschaft wird es als normal angesehen, aus sich herauszugehen, weshalb das als erstrebenswert gilt, als ein Zeichen von Glück, Selbstvertrauen und Führungsanspruch. Extrovertierte werden gerne als großherzig, lebhaft, warm und empathisch angesehen. „Gesellige Person“ ist ein Kompliment. Introvertierte werden als „reserviert“, „einsam“, „vorsichtig“, „taktisch“, „selbst-beherrscht“ oder „privat“ beschrieben – enge, unvorteilhafte Worte, Worte, die emotionale Sparsamkeit und eine kleine Persönlichkeit suggerieren. Weibliche Introvertierte, nehme ich an, müssen darunter besonders stark leiden. In bestimmten Regionen, z. B. im amerikanischen mittleren Westen, kann ein Mann manchmal noch damit davonkommen, wenn er als ein starker und ruhiger Typ beschrieben wird; introvertierte Frauen, denen diese Alternative fehlt, werden viel wahrscheinlicher als Männer als befangen, abgehoben oder hochmütig wahrgenommen.

Sind Introvertierte arrogant?

Kaum. Ich nehme an, dass diese allgemeine Fehleinschätzung damit zu tun hat, dass wir intelligenter, reflektierender, unabhängiger, zielstrebiger, gebildeter und gefühlvoller als Extrovertierte sind. Vielleicht liegt das auch an unserer Unfähigkeit, Smalltalk zu führen, weshalb uns oft Extrovertierte gering schätzen. Wir denken meist nach, bevor wir reden, während Extrovertierte dazu tendieren zu denken während sie reden, weshalb ihre Meetings niemals weniger als 6 Stunden dauern. „Introvertierte“, schreibt ein scharfsinniger Zeitgenosse namens Thomas P. Crouser in einer Online-Rezension des kürzlich erschienen Buches „Warum sollten Extrovertierte das ganze Geld machen?“ („Why Should Extroverts Make All the Money?“) (ich denke mir das auch nicht aus), „werden durch die halb-innerlichen Dialoge, die Extrovertierte führen, abgelenkt. Introvertierte beschweren sich nicht mit Worten, stattdessen rollen sie mit den Augen und verfluchen leise die Dunkelheit.“ Genau so.

Das schlimmste daran ist jedoch, dass Extrovertierte keine Ahnung davon haben, welcher Tortur sie uns aussetzen. Manchmal, wenn wir mitten in ihren 98% inhaltsleeren Gesprächen nach Luft schnappen, wundern wir uns, ob Extrovertierte sich selbst überhaupt zuhören. Trotzdem halten wir das stoisch aus, weil durch Bücher über die Etikette – ohne Zweifel von Extrovertierten geschrieben – Ablehnung gegenüber Geplänkel als unhöflich und Pausen in Gesprächen als merkwürdig gelten. Wir können nur davon träumen, dass eines Tages, wenn unser Zustand besser bekannt ist, wenn vielleicht eine Introvertierten-Rechtsbewegung blüht und Früchte getragen hat, dass es dann nicht mehr unhöflich sein wird, sagen zu können: „Ich bin ein Introvertierter. Du bist eine wunderbare Person und ich mag Dich. Aber nun bitte lass mich in Ruhe.“

Wie kann ich den Introvertierten in meinem Leben wissen lassen, dass ich ihn unterstütze und seine Wahl respektiere?

Zuerst einmal ist es keine Wahl. Es ist kein Lebensstil. Es ist eine Orientierung.
Zweitens, wenn Sie einen Introvertierten in seinen Gedanken verloren sehen, sagen Sie nicht „Was ist los?” oder „Alles in Ordnung?”.
Drittens, sagen Sie auch nichts anderes.